Alles auf Vier-Fünf-Eins

Taktik war früher nie meine Stärke. Dabei hätte ich schon als 13-Jähriger in der Knabenmannschaft der BSG Einheit Dessau erste Erfahrungen mit mehrfach geteilten Zahlenketten, korrelierenden Pfeilen und Kreuzen auf schemenhaft nachgebildeten Fußballballfeldern sammeln können. Nach den wöchentlichen Trainingseinheiten versammelten wir uns im Hinterzimmer der verrauchten Vereinsgaststätte um einen großen Holztisch, der Trainer rückte eine alte Tafel heran und sprach unter dem quietschenden Geräusch eines Kreidestummels über die Funktionsweise von Abseitsfallen. Mein Interesse an den Ausführungen war jedoch meist gering.

Ich dachte stattdessen an Schnitzel.

Ein paar Wochen zuvor hütete ich im Knabenteam der BSG noch recht passabel das Tor, hielt gegen die Schnösel der ASG Vorwärts manchmal ein Unentschieden fest und rettete gegen die Mitkonkurrenz um den letzten Tabellenplatz gelegentlich einen knappen Sieg. Dann blieb leider der erhoffte Wachstumsschub aus und ich konnte die Latte der immer größer werdenden Tore nur noch mit dem Leiterwagen erreichen. Folgerichtig wurde ich ersetzt und musste nun direkt auf dem Feld verteidigen. Abwehrspieler bei der BSG Einheit zu sein, bedeutete damals: Man wird vom Gegner regelrecht überrannt, während der Rest des eigenen Teams am anderen Tor auf ein Zuspiel wartet. Ich habe wirklich versucht, die Ein-Spieler-Abwehrkette meiner Mannschaft zur Blüte zu bringen, bin aber maßlos gescheitert. Etwa 100 Gegentore später war mir die Lust am aktiven Fußballerleben vergangen. Einzig das Schnitzelessen nach jedem Training in der Vereinsgaststätte verhinderte, dass ich zu Hause blieb. Mit seiner Taktikeinweisung verlängerte unser Trainer die unerträgliche Wartezeit bis zum Schnitzel jedoch erheblich.

Erst viele Jahre später, vom Hintertor-Fanblock meiner Lieblingsmannschaft aus, begann mich die Welt der Fußballtaktik zu begeistern. Dreier- oder Viererkette, verschobene Reihen bei Flügelangriffen, Pressing im defensiven Mittelfeld, Doppelsechs oder Doppelspitze, offensive Außenverteidiger, hängende Stürmer, schnelles Konterspiel – nur im Stadion mit Blickfeld auf das gesamte Spielfeld wird die Schönheit und Raffinesse mancher Fußball-Taktiken gewahr. Nach und nach entwickelte ich sogar eine Art Taktikmanie, zerbrach mir den Kopf über die Vorzüge und Nachteile von 4-5-1, 4-3-3 oder 3-4-3 im Allgemeinen und von Catenaccio, Schweizer Riegel oder Totaalvoetbal im Speziellen.

Mit steigendem Wissen musste ich allerdings auch feststellen, dass die Spielweise des modernen Fußballs über die Jahre immer defensiver geworden ist. In den Anfängen dieses Sports vor mehr als 100 Jahren traten die Mannschaften noch mit jeweils neun Stürmern und einem Verteidiger auf den Platz. Anfang des 20. Jahrhunderts hatte die so genannte „schottische Furche“ dann schon zwei Abwehrspieler im System. In den 1950er Jahren favorisierten die meisten Trainer drei Verteidiger, die sich den damals üblichen fünf Stürmern in den Weg stellen sollten. In den 1960er Jahren blieben noch vier Stürmer übrig. 1974 wurde Deutschland mit drei Angreifern Weltmeister und ab den 1980er Jahren feierten Sturmduos Erfolge, während die Italiener ihren legendären Fünf-Mann-Abwehrriegel „Catenaccio“ zum Export freigaben.

Blickt man auf die taktischen Aufstellungen in der noch jungen Bundesliga-Saison, dann steht dort meist nur noch ein Stürmer pro Team auf dem Platz. Auch die “Nummer 10″ – der offensive Mittelfeld-Regisseur, geniale Spielmacher und Taktgeber – ist fast gänzlich aus den Spielsystemen verschwunden. Stattdessen dominieren heute die besser als rennende Blutgrätschen bekannten defensiven Mittelfeldspieler die Taktik. Nicht selten wird ihre Position auf dem Feld sogar mehrfach besetzt, wie z.B.  im DFB-Team durch die Herren Schweinsteiger und Khedira. Zusammen mit vier weiteren Abwehrrecken, die nur in seltenen Fällen die Mittellinie überqueren, entsteht so das beispielsweise in Dortmund, Hoffenheim, Köln, Leverkusen, Frankfurt, Nürnberg und Hamburg praktizierte Vier(Abwehr)-Fünf(Mittelfeld)-Eins(Stürmer)-Spielsystem.

Schlechte Zeiten für Stürmer also. Kein Wunder auch, dass von meinen Teamkameraden in der Knabenmannschaft der BSG Einheit keiner den Sprung ins Profilager geschafft hat. Die wollten ja schließlich alle immer nur angreifen.