Es war einmal in einem Wald …
Es ist die Mutter aller Spiele, das Silvester am Geburtstag zu Ostern. Ein Derby ist für einen Fußballfan wichtiger als Sex, ein paar Kröten auf dem Bankkonto und frische Unterhosen. Wenn man es genau nimmt, ist der Triumph in einem Derby sogar dem Gewinn der Meisterschaft überlegen. Wer einmal von der Droge gekostet hat, die den Körper beim Anblick der entsetzen Gesichter im Gästeblock nach dem siegreichen Abpfiff für das eigene Team durchdringt, der ist ein Leben lang auf kaltem Entzug. Bis zum nächsten Derby.
Am kommenden Wochenende meint es der Gott des Ballsports besonders gut mit uns. Gleich mehrere hochkarätige Derbys stehen auf dem Programm. Neben dem großen Revierderby (Schalke gegen Dortmund), dem norddeutschen Politikderby (HSV gegen St. Pauli) und dem niedersächsischen Langweilerderby (Wolfsburg gegen Hannover), zum ersten Mal seit dem Ende des kalten Krieges auch das Berliner Hassderby (Union gegen Hertha). Angesichts der Wagenladungen von Gift und Galle, die in den letzten Tagen Spree und Ruhr herunter geflossen sind, möchte ich kurz eine wichtige, jedoch selten gestellte Frage beantworten: Woher kommt das eigentlich, dieses Derby?
Historischen Überlieferungen zufolge waren es natürlich die Angelsachsen, die das Derby irgendwann nach der Vertreibung Cäsars und vor der Landung der Franzosen auf der Insel erfanden. Geografisch bewanderte Kenner Großbritanniens werden schnell erraten können, wo es genau ersonnen wurde: In der Grafschaft Derbyshire, etwas nördlich von London. Wie eine durch Jesuitenmönche auf die Rückseite einer Lutherbibel eingeritzte Überliefung behauptet, trafen sich damals die besten 100 Männer der Grafschaft einmal im Jahr mit den Vertretern der umliegenden Areale zum fröhlichen Gedankenaustausch im Wald.
In Ermangelung geistreicher Gesprächsthemen oder lustiger Quizspiele, schlugen sich die Anwesenden einfach gegenseitig auf den Kopf – damals ein untrügliches Zeichen von nonverbaler Respekterweisung. Und demjenigen, dem am Ende dieses Rituals noch zweiter Vorname und Herkunft einfiel, dem war ein Jahr lang freie Kost und Logis beim Nachbarn gewiss. Über die Jahre wurde der Zeitvertreib im Königreich so populär, dass aus allen Landesteilen Mitstreiter anreisten und bald Zehntausende Backpfeiffen beim jährlichen „Derby“ durch den Wald hallten.
Dem Spaß ein zwischenzeitliches Ende bereiteten die aus Frankreich überfallartig einreisenden Normannen. Zum Leidwesen der Angelsachsen beinhaltete deren Verständnis von kulturellem Austausch zwischen Nachbarn keine Massenkeilerei und so untersagte der Normannenkönig William der Verweigerer 1066 im „Arrêté de Wembley“ offiziell jegliche Derbys . Da keiner der Angelsachsen des Französischen ausreichend mächtig war, gingen die Meinungen über den wahren Inhalt des Erlasses jedoch weit auseinander und schlussendlich traf man sich weiter im Wald von Derbyshire.
Mit dem Aufkommen der englischen Ersatzreligion – besser bekannt als „Fairness” – Mitte des 16. Jahrhunderts, wurde die Massenkeilerei mit sportlichen Wettkämpfen ergänzt. Und diesen Mehrwert der Derbys schätzen wir bekanntlich noch heute.
Matthias Puppe, eingefügt in Allgemein am 16.09.2010, 23:14 Uhr.

