Drama 2.0
Es ist zum Aus-dem-Gebiss-Fahren! Kaum hat man sich mit etwas Neuem angefreundet, ist es schon alt. Hat ein typischer Late Adopter endlich ein Mobiltelefon – schwups, da kehrt sich der Trend um. In Management-Etagen gehört es längst zum guten Ton, dass es in der Hose weder klingelt noch vibriert. Jetzt gibt es den nach Verlagsangaben ersten Facebook-Roman und drum herum eine interaktive Web-2.0-Literatur-Bewegung. Ist das Ende von Facebook also abzusehen?
Gern werden für das Neue alten Medien genutzt. Und umgekehrt. Daniel Glattauer feierte mit seinem E-Mail-Roman „Gut gegen Nordwind“ einen Publikumserfolg, 2006 für den Deutschen Buchpreis nominiert. Sogar auf Theater-Bühnen hat es die Geschichte geschafft. Beim Bibel-Rekordversuch von evangelisch.de konnten User stückchenweise das Alte und Neue Testament twittern. Der Brief des Paulus an die Römer beginnt nun so: „Okay, alles klar. Paulus ist ein ganz besonderer Typ mit besonderen Aufgaben. Er ist der, der uns Heiden – sind wir irgendwie alle – führt.“ Im März erscheint „Twitteratur: Weltliteratur in 140 Zeichen“, darin werden große Werke kurz- und kleingefasst.
Wenn die Hypes unserer Vorfahren – gedrucktes Buch, Theater, von der Bibel ganz zu schweigen - mit Mail, Twitter, Social Network anbandeln, gibt es zwei Möglichkeiten: Letztere sind so tot wie das Second Life. Oder die Klassiker von morgen. Erscheint demnächst der erste Jugendsprache-Roman in Großdruck für Senioren?
Am 27. Januar kommt Fabian Bursteins Roman-Debüt „Statusmeldung“ in den deutschen Buchhandel, ein Facebook-Roman und mehr als das. Gestern twitterte der Autor: „#facebook begnügt sich mit 1 Milliarde $ aus Goldman Sachs Fonds – ,Statusmeldung’ begnügt sich mit 1 Milliarde Leser“. Sein Ich-Erzähler Julian Kippendorf „liebt facebook, liebt es nicht, liebt facebook, liebt es nicht, …“. Weblog und Fb-Seite, Orte der Roman-Handlung, gibt es wirklich. Kippendorf hat real über 1500 Freunde. Real? Die Grenze zwischen Phantasie und Wirklichkeit verschwimmt. Wer später den Roman liest, glaubt, einen alten Bekannten zu treffen. Es ist das sich selbst reproduzierende Community-Prinzip.
Der Roman beginnt als Blog eines Gehetzten, einer Selbstenttarnung. Das Vorspiel hat schon stattgefunden, nicht auf dem Theater, sondern im Internet. „Zuerst mal über das Scheitern meiner großen Liebe erzählt. Ohne Vorwarnung, gleich ,in medias res’. Ihnen nur aufgrund Ihrer Kommentare vertraut.“ Vertrauen 2.0 nennt Julian das. Die nächste Statusmeldung, „JULIAN KIPPENDORF hat gerade sein Gesicht verloren.“ Ist er der Realität jetzt näher? Gar sich selbst?
Burstein hinterfragt die Illusion der Identität als die Summe dessen, was wir von uns preisgeben. Sein Held sorgt sich, dass jemand sein Navi klauen und so rekonstruieren könnte, welche Orte er in den vergangenen Wochen angesteuert hat. Im Netz aber – alles zuzuordnen, alles nachzuvollziehen. Liebe, Schmerz, Versagen, das klassische Beziehungsdrama – es lässt sich zusammensetzen aus Blogs, Statusmeldungen, Nachrichten, Chats, Kommentaren … Als Kippendorf seiner Ex das Liebesbekenntnis gibt, das sie immer wollte, lässt er alle Welt daran teilhaben. Das kommt bei The L-Girl natürlich nur mäßig gut an. Ist eine Liebe beendet, wenn alle Einträge mit deren Namen gelöscht werden?
Was Roman-leser als Dialoge waren, begegnet ihnen hier als Kommentar-Verläufe und stumme Bestätigungen:
„JULIAN KIPPENDORF konstatiert: Schmerz ohne Ende.
23. Mai um 20:19
Frank Häuser und 22 anderen gefällt das.“
Wenn sich der aus der Bahn geworfenen Mittdreißiger die Seele aus dem Leib bloggt, kann die Anzeige „O Kommentare“ mehr bedrücken, als 1000 analoge Tränen. Er sei auf der Suche nach dem Ende der Suche, verrät sein Profil, seine politische Einstellung: Menschenfreund. Seine religiösen Ansichten: Menschenhasser. Aktivitäten: Überleben. Und alle daran teilhaben lassen. Für diese Informationen hätte Thomas Mann 200 Seiten gebraucht. Fabian Burstein, 1982 in Wien geboren, Mitbegründer des Kultur- und Lifestyle-Magazins „faq“, hat andere Prägungen erfahren. Er arbeitet als freier Journalist und Texter in der Werbebranche.
„Das subtile, unsichtbare Grauen ist in seinem Genre der ultimative Superlativ. Deshalb muss auch die subtile, unsichtbare Liebe der ultimative Superlativ sein.“ Wegen solcher Sätze meldet sich Einsamesherz alias Jo Hanna alias Johanna bei Kippendorf, man schreibt sich Nachrichten, und da gibt es sie: eine Reminiszenz an Glattauers E-Mail-Roman. Also hat sie doch das Zeug zum Klassiker, die auf digitale Kommunikation zurückgreifende Literatur? Das alltagsphilosophische oder aphoristische Stimmengewirr jedenfalls kann Ausgangspunkt neuer Gedankenwege sein. Das muss ja auch mal gesagt werden bei all dem Ärger mit dem Datenschutz.
Natürlich ist es auch lächerlich. So lächerlich wie das Namen Googeln als „Schwanzvergleich der Moderne“. Oder wie Kommentatoren, die im selbsterteilten Erziehungsauftrag das Netz durchstreifen. Die gewohnte und doch ungewöhnliche Form dieses Romans gibt den Lesern die Möglichkeit, sich als erwünschter Voyeur zu fühlen. Wie im echten falschen Leben.
Fabian Burstein: Statusmeldung. Roman. LABOR edition a GmbH; 224 Seiten, 19,95 Euro (erscheint am 27. Januar)
23.01.2011, 19:12 Uhr

[...] von Autor Fabian Burstein dar. Die Literaturredakteurin der LVZ, Janina Fleischer, hat dazu eine ausführliche & interessante Rezension geschrieben. Natürlich ist die Promotion für dieses Liebesdrama im Facebook-Kontext total [...]