Grenzerfahrung
Die Leipziger Buchmesse ist nichts für schwache Nerven. Schon vor zehn Uhr rennen tausende Kinder auf die Messehallen zu wie am Wandertag auf die Würstchenbude. Nur wenn man es eilig hat, dann schleichen sie und machen ihre Schultern ganz breit und schubsen einander von ganz links nach ganz rechts und dann umgekehrt.
Da hat man den Nahverkehr schon überlebt. Zum Beispiel 9.37 Uhr in der Regionalbahn Richtung Delitzsch. Wer nicht täglich mit der Erziehung Pubertierender betraut ist, erlebt diese Fahrt mit einem Gefühl diffuser Fassungslosigkeit. Gerade darum ist die Zug-Variante zu empfehlen. Sie dauert ungefähr 6 Minuten. In der Straßenbahn ist es fast eine halbe Stunde. Dafür hat man mehr Zeit, die aufwendigen Verkleidungen der Manga-Freaks und Cosplayer zu studieren. Sieht man ja nicht alle Tage. Genau genommen: Nie!
Gegen Mittag sind dann alle Stände geplündert, an denen Hustenbonbons oder Stifte oder auch mal Flyer in Griffweite lagen. Sogar Verlagsprogramme sollen versehentlich schon eingesteckt worden sein. Der Lesenachwuchs hat sein Soll erfüllt und belagert für den Rest des Tages sitzend, essend, flirtend die Glashalle. Folgerichtig pegelt sich die Geräuschkulisse bei einer Stärke ein, wie wir sie aus dem Spaßbad kennen.
Während Europas größtes Lesefest also von Leipzigs lautester Mangamesse flankiert wird, hängt das eigene Nervenkostüm nur noch in Fetzen am Leib. Und genau darauf hat sich die Frankfurter Allgemeine Zeitung eingestellt. An deren Stand schließt sich ein Glaskasten an, vergleichbar den Raucher-Prangern an Flughäfen. Allerdings ohne Aschenbecher.
Ein weiteres Problem, denn die in Stresssituationen oft ausgleichend wirkende Zigarette darf nur noch vor den Türen geraucht werden. Dorthin aber muss man es erstmal schaffen. Und dann steht man auch bloß wieder neben Mathieu Carrière und hat Angst, dass gleich Rainer Langhans durch die Tür kommt. Oder Katy Karrenbauer. Oder eine Manga-Figur mit der Stimme von Désirée Nick. Raucht eigentlich Ursula von der Leyen?
Aber zurück in den Glaskasten. Der ist etwa vier Quadratmeter groß und tatsächlich als Oase gedacht, in diesem Fall als eine Oase der Ruhe. Höckerchen laden zum Sitzen ein, während draußen auf dem Gang die Karawane weiterzieht. Es ist das Paradies. Denken sich auch drei minderjährige Jungs, die sich hier unbehelligt von den Aufsichtsberechtigen über etwas beugen, was erst wie ein E-Reader aussieht und dann wie ein Nintendo fiept. Als die alte Frau hinzutritt, suchen die drei das Weite. “Mädchen gucken”, wie sie sagen.
Nun also Ruhe? Keineswegs. Ein Kollege wird von außen an die Scheibe gedrückt und macht sich mit Klopfgeräuschen bemerkbar, bevor die Menge ihn weiterreißt. Seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört. Es heißt, er würde jetzt Manga lesen.
20.03.2011, 20:07 Uhr

Hatte schon gedacht, dass die Buchmesse doch ein Schlaraffenlad fuer unseren Easy Reader sein wuerde. Und Sie hat uns nicht enttaeuscht. Vom ersten Satz bis zum letzten bin ich aus dem Lachen nicht rausgekommen. Vielleicht wird sie eines Tages auch selbst ein Buch schreiben. Erinnert mich ein wenig an Mark Twain und/oder W.C.Fields.
na klar, und dann präsentiere ich mein buch auf der messe gemeinsam mit 1, ach was sag ich, mit 100 schulklassen aus der region. das wird ein spaß. und Sie, gunter berndt, lade ich dann ein. versprochen!
da, lieber herr friedrich, haben Sie sich aber um die ganz wesentliche einstimmung gebracht. vielleicht gibt es auch noch die möglichkeit, mit dem bus anzureisen, die habe ich noch gar nicht ausprobiert und stelle sie mir vor allem in scharfen kurven interessant vor. ist ja schließlich eine messe der begegnungen.
Guten abend frau fleischer,
vielen dank für ihre plastische Schilderung der Ereignisse der letzten Tage, aus dem Leipziger Norden. Fahrradfahrenden Lesefestbesuchern blieben ja zumindest die Anreiseerlebnisse verborgen.
Herzlichen Dank dafür.
[...] den Originalbeitrag weiterlesen: Easy Reader – Das LVZ-Online Literaturblog » Grenzerfahrung Medien zum Thema Medien by [...]
Ja, das ist schlimm mit den weiten Wegen vor die Tür. Literatur für Raucher is a hard life.
literatur für nichtraucher gibt es gar nicht. höchstens ein paar ratgeber-bücher.
Nun ja,
dass die “Jugend von heute” nicht unbedingt so harmonisch mit den älteren Generationen umzugehen weiß, ist schon eine Weile bekannt.
Aber auch hier muss man sich irgendwo immer wieder sagen “Es sind ja noch Kinder…”.
Außerdem sind die Ausflüge der Schulklassen zur Buchmesse für die meisten Kinder eh nur eine Pflichtveranstaltung. Also ein wirklicher Wandertag. Freuen sich die einen darauf, keine Schule zu haben, motzen die anderen rum, dass sie trotzdem auf die “dämliche Buchmesse” gehen müssen. Ja, ja, so ist das eben im Jahr 2011…
Achso, Frau Fleischer, wieso achten Sie nicht auf Groß- und Kleinschreibung in Ihren Kommentaren?!
Hallo Elisa,
ich achte auf Kleinschreibung, weil das schneller geht und praktischer ist. Nur das große “Sie” in der Anrede versuche ich beizubehalten.
Naja, wer am Samstag auf die Messe geht, der erlebt halt die unbändige Masse. Am Donnerstag und Sonntag war es recht entspannt, wenn man die Relationen zwischen einer Messe und einem Art-House-Film-Besuch (mit max. 10 Besuchern) versteht.
Der Kommentar spiegelt genau das kinder/jugendfeindliche Klima ab, das in Deutschland derzeit herrscht. Ach, die Kids machen Lärm und amüsieren sich? Ist ja furchtbar. Das haben Sie in dem Alter natürlich nicht gemacht.
Und zum Rauchen müssen Sie vor die Tür gehen und können nicht selbst alle anderen Leute belästigen?
Selten sowas Engstirnisches gelesen! Nur Ihr Foto passt nicht dazu. Solche Kommentare erwarte ich eigentlich von älteren Herren jenseits der 60.
Endlich mal eine (sehr verhaltene) Kritik an der “Buch”messe. Mittlerweile lesen sich die Erfolgsmeldungen als sozialistische Fünfjahresplanberichte. Als Fachbesucher war ich vor Jahren dort, seitdem tue ich mir das nicht mehr an. Schade nur, dass das Medium Buch so mißbraucht wird. Das Ganze sollte sich LitPop-Event-Performance-Werbe-Autoren-Happening nennen.
Es ist schon erstaunlich und beängstigend, wieviel gedankliche und verbale Unsäglichkeiten im Eingangskommentar und den nachfolgenden Meinungen hier zu lesen stehen ! Da nutzen wohl eine Menge Leute lvz-online nur, um ihre ganz persönlichen und unterschiedlichsten Frustpotentiale zu dokumentieren
?!
Ein schöner Text, der mir jedoch nicht weit genug geht, nicht weit genug denkt. Zum Beispiel müssten endlich mal die alljährlichen Besucherrekorde entmystifiziert werden. Ohne Cosplayer, zwangsverpflichtete Schüler und literaturferne Schichten, die von Veronica Ferres, Walter Kohl & Co. angelockt werden, wären die Besucherzahlen alles andere als rekordverdächtig.
Der Literaturbetrieb verfügt über keinen effektiven Malware-Schutz. Literaturkritik wurde von den Gaddafis der PR-Abteilungen und Chefredaktionen erfolgreich ghettoisiert. Literaten wurden von den Promis und Lärmschlägern in die Flucht geschlagen. Wo einst mit ungeschulter Stimme bedeutungsschwanger vorgelesen wurde, wird nun flach-heiter getalkt. PR-Gecoachte sind nahezu unter sich, ihre Stylisten und Berater im Schlepptau.
Störender Lärm in der Glashalle kam übrigens nicht von Cosplayern oder anderen Jugendlichen, sondern vorrangig etwa vom Studentenradio Mephisto, dessen Beschallung weit über die eigenen Standgrenzen hinausreichte.
Überhaupt sind die Jugendlichen selten ein Problem. Sie sind dünn und flink und meist respektvoll. Viel schlimmer sind die geschniegelten Großkotze und Tanten, in die Breite statt in die Höhe gewachsen, mit Beuteln an den Armen, mit der Freundin plaudernd im Schneckentempo auf engen Gängen. Viel schlimmer sind auch die Grüppchen, die sich ungeniert mitten auf dem Gang unterhalten.
An den Rand zu treten, bevor man anhält, scheinen die meisten verlernt zu haben. Rechts zu gehen und anderen Platz zu lassen, scheinen die meisten verlernt zu haben. Andere rauszulassen, bevor man hineindrängt, scheinen die meisten verlernt zu haben. Die Älteren, nicht die Jungen! Die Leute bleiben einfach stehen, schlendern zu dritt neben einander, telefonieren laut, ohne zuvor die Publikumsreihen zu verlassen usw.
Es ist gut, dass die Buchmesse nur vier Tage dauert. Am ersten Tag erdulde ich still, am vierten Tag pflaume ich Leute, die auf der Zuhörerbank neben mir telefonieren, an und ziehe die Schultern nicht mehr weg, wenn ein Zusammenstoß droht. Zu welchen Reaktionen es nach acht Tagen kommen könnte, möchte ich nie erfahren.