Kleine indische Zeitungsschau

Jeden früh kurz nach halb sieben raschelt es an der Tür meines Hotelzimmers in Bangalore (Indien). Der Deccan Herald wird unter der Tür durchgeschoben, die Tageszeitung, für die ich hier vier Wochen lang im Rahmen eines Journalistenaustauschs schreibe. Insgesamt liegen in meinem Hotel vier englischsprachige Zeitungen aus, die alle regional erscheinen, sprich einen Bangalore-Lokalteil enthalten: Times of India (28 Seiten), Bangalore Mirror (32 Seiten), The Economic Times (18 Seiten in einem Roséton) und eben Deccan Herald (26 Seiten). Der Bangalore Mirror ist eine Zeitung im kleinen halbrheinischen Format, die anderen Zeitungen erscheinen im größeren Rheinischen Format (kleiner als die LVZ). Außerdem gibt es noch weitere Tageszeitungen: den Indian Express, The Hindu sowie Zeitungen in den Sprachen Kannada, Hindi und Tamil.

Meine kleine Presseschau habe ich gestern, am 1. Mai, gemacht. Schon aus dem Grund, weil in Deutschland an einem Feiertag keine Zeitungen erscheinen. Hier in Indien herrscht Sechs-Tage-Woche, das heißt meine Kollegen vom Deccan Herald haben nur einen Tag pro Woche frei. Da die Zeitung jeden Tag erscheint, auch sonn- und feiertags, ist die Redaktion jeden Tag besetzt. Bei uns dagegen trifft man sonnabends und am Tag vor einem Feiertag gar keine Redakteure an, sonntags und an Feiertagen nur eine kleine Besetzung.

Das Frappierendste für mich sind die Preise der hiesigen Tageszeitungen, die wirklich nur Pfennigartikel sind. Der Bangalore Mirror ist mit 2 Cent (!) pro Ausgabe am billigsten, der Deccan Herald kostet 4 Cent, die Times of India 9 Cent. Mit diesen Extrem-Niedrigpreisen wird einerseits die Auflage hochgehalten, was für die Anzeigenpreise wichtig ist, andererseit können sich auch Arme noch eine Zeitung kaufen. Die tatsächlichen Herstellungskosten betragen 7 oder 8 Rupien. Die Differenz, so haben es mir nun schon etliche Leute geschildert, wird über bezahlte Artikel hereingeholt. Das heißt zum Beispiel, der Rechtsanwalt, der auf Leserfragen antwortet, bekommt dafür kein Honorar von der Zeitung. Vielmehr bezahlt er dafür, dass er mit seinem Foto und seinem Namen diese Ratgeberrubrik füllen darf.

Das Geschäft wird ansonsten über Anzeigenerlöse gemacht. Dafür sieht man dann auch große Anzeigen der Stadtverwaltung, der Landesregierung oder der indischen Regierung (eine May Day Message des indischen Arbeitsministers war gestern zum 1. Mai in der Zeitung).  Der Deccan Herald genießt den Ruf einer seriösen Tageszeitung, ist mit seiner Auflage von 200.000 (bei 10 Millionen Einwohnern von Bangalore) allerdings als kleine Zeitung einzustufen. Den Eigentümer habe ich an meinem ersten Tag kennen gelernt, er hat ein Büro im Verlagsgebäude und ist, wie mir erzählt wurde, täglich da. Gedruckt wird 35 Kilometer außerhalb von Bangalore auf deutschen Druckmaschinen, wie mir der Chefredakteur erzählte.

Beliebter bei den Indern, soweit ich dies erfragen konnte, ist aber die Times of India. Auch auf mich wirkt sie moderner und frischer, bringt gute Bilder, anschauliche Grafiken und überhaupt eine leseanreizende Nachrichtenauswahl.

Was an allen Bangalore-Zeitungen auffällt: Sie beginnen auf Seite 2 mit dem Lokalteil. Immer gern genommen werden Tierfotos. Im Deccan Herald gibt es nach der Titelseite mit Überblickscharakter zwei Seiten Lokales, dann folgen zweieinhalb Seiten (manchmal auch drei halbe Seiten) aus dem Bundesstaat Karnataka, wobei Bangalore als Landeshauptstadt dabei häufig vertreten ist. Danach kommen zwei Seiten mit landesweiten Nachrichten, Fernsehprogramm, eine Kommentarseite, eine Seite internationale Berichte, wechselnde Ratgeberseiten mit Themen wie Gesundheit, Bildung, Computer. Der Wirtschaftsteil beschränkt sich auf eine Seite “Business”, der Sportteil umfasst drei Seiten. Als tägliche achtseitige Beilage ist “Metrolife” im Deccan Herald integriert. Darin gibt es teilweise weitere lokale Berichte, Berichte über kulturelle Veranstaltungen, Wissenschafts-, Umwelt- und Reisethemen. Aber vorwiegend lebt die Beilage von vielen großen Leute-Fotos, wenig Text und oft erstaunlich belanglosen Themen. Bollywood-Schauspieler und Sportstars spielen eine Rolle, aber es werden auch gleich mal fünf, sechs Leute in einer Shoppingmall in ihren Shorts fotografiert und zu diesen befragt – weil Shorts, so liest man, dieses Jahr total in sind. Eine solche boulevardmäßige Beilage gibt es auch in der Times of India, sie heißt dort “Bangalore Times”, ist aber genauso aufgebaut.

Was die Geschichten in der Zeitung betrifft, wird in Indien auch kein anderer Journalismus gemacht als in Deutschland. Einige Artikel sind Recherchegeschichten mit Hintergründen und Zusammenhängen, ein Großteil eher das Wiedergeben von Verlautbarungen der Regierung, der Stadtverwaltung oder kommunalen Firmen. Quellen werden recht oft diffus gehalten (“Quellen besagen”, “ein Anwohner sagt”…). Lokale Themen wie Fußgängerüberwege oder die Qualität öffentlicher Freibäder spielen eine wichtige Rolle. Schon zweimal habe ich erlebt, dass es hier geregnet hat und am nächsten Tag war ein Lokal-Bericht dazu in der Zeitung (einmal ging es um Schäden und Verkehrsstaus durch den Regen, das andere Mal äußerten sich Leute einfach nur überrascht über den unverhofften Regen).

Etwas Außergewöhnliches, was man sich vom Deccan Herald abgucken könnte (außer vielleicht das Voranstellen und damit Betonen des Lokalteils), habe ich bisher noch nicht entdeckt. Auf jeden Fall scheinen hier noch recht sorglose Zeiten im Verlagsgeschäft zu herrschen, das Wegbrechen vieler Anzeigenmärkte scheint hier noch nicht angekommen zu sein. Das dürfte damit zusammenhängen, dass ein großer Prozentsatz der Bevölkerung nach wie vor Analphabeten sind und dass viele von denen, die lesen können, nicht online sind, weil sie sich schlichtweg keinen Computer leisten können. Wie der Taxifahrer, der mit seiner Frau und dem 15-jährigen Sohn in einer 7-Quadratmeter-Wohnung (!) lebt und sich sogar als Mittelstand bezeichnet. Er bezieht seine Informationen aus der Zeitung.

Die Reporter sind hier ausschließlich Reporter und gehen nur ihren Geschichten nach, machen weder Layouts noch Fotos. Daher herrscht hier ein gewisses Staunen, wenn ich erzähle, dass ich auch Fotos und Videos nach Leipzig schicke sowie meine Texte bei LVZ-Online einstelle.

 


Und plötzlich vermisse ich Dinge, die mir sonst nie aufgefallen sind

Nach einer Woche Indien würde ich nicht behaupten, dass ich große Sehnsucht nach Deutschland hätte. Aber viele Dinge weiß ich auf einmal sehr zu schätzen, weil sie hier fehlen. Profane Dinge, die mir in Deutschland nicht besonders aufgefallen sind oder die man für völlig selbstverständlich hält.

Zum Beispiel die intakten Fußwege. Indische Gehsteige sind in der Regel nicht befestigt, wenn vorhanden, dann häufig zugestellt und nicht benutzbar. Ein buntes Durcheinander aus Steinen, Dreck, zerbrochenen oder wackelnden Betonplatten. Mit Löchern, so groß, dass man sich das Bein darin brechen könnte. Bei uns käme da umgehend ein Verkehrshütchen mit Absperrband hin. Solche holprigen und kaputten Fußwege kenne ich noch aus DDR-Zeiten. Aber wer ist heute noch dran gewöhnt, 30 oder 40 Zentimeter hohe Bordsteinkanten  rauf und runter steigen zu müssen? Wie menschenfreundlich sind dagegen unsere glatten, ebenen Fußwege mit den abgesenkten Bordsteinkanten… Festes Schuhwerk ist hier wirklich nötig, um nicht ständig umzuknicken. Außerdem auch deshalb, weil Unrat aller Art auf dem Fußweg liegt oder irgendwelches flüssiges Zeug ausgekippt wird, mit dem man lieber nicht in Hautkontakt kommen will. Wenn ich abends zurück im Hotel bin, tun mir jedenfalls immer mächtig die Füße weh.

Eine große Errungenschaft sind auch unsere Radwege. In Indien habe ich so etwas noch nicht gesehen. Hier fahren wenig Leute Fahrrad, es wäre viel zu gefährlich in diesem Verkehrschaos. Hier setzen sich nur diejenigen durch, die pausenlos laut hupen und den Fuß nicht vom Gas nehmen. Verkehrsregeln stehen sicher irgendwo auf dem Papier, aber sie spielen eigentlich keine Rolle. Es wird bei Rot gefahren, markierte Fahrspuren kennt man nicht. Als Fußgänger muss man einfach loslaufen, oder man kommt nie auf die andere Seite der Straße. Die Autos, Mopeds und dreirädrigen Autos halten schon an, allerdings erst dann, wenn sie einem schon fast auf den Zehen stehen. Als Indien-Neuling bin ich jeden Tag einem Herzkasper nahe und versuche, irgendwie heil durchzukommen.

Es gibt noch viele andere Dinge aus der Heimat, die ich plötzlich schätze, weil sie hier nicht selbstverständlich sind:

- ein helles Büro mit geräumigem Schreibtisch und bequemem Stuhl

- die ungeahnte Sauberkeit auf den Straßen (wenn die Leute in Deutschland über Müll oder Unkraut meckern, ist das das reinste Wohlstandsproblem, verglichen mit indischen Verhältnissen).

- unsere wunderbar in Schuss gebrachten Häuser nach dem Sanierungsboom der letzten 20 Jahre, auch dank der Strenge des Denkmalschutzes. Hier tut es einem in der Seele weh zu sehen, wie großartige historische Bausubstanz offenbar ungehindert verfällt, während gleichzeitig in der zweiten, dritten oder vierten Reihe gesichtslose Wolkenkratzer hochgezogen werden.

- dass der Tüv dafür sorgt, dass wir ein ruhiges Leben und einen weitgehend ungefährlichen Alltag haben! Es geht auch anders, wie ich heute in der nagelneuen Metro in Bangalore erlebt habe. Auf der Rolltreppe entdeckte ich ein Warnschild: Die Leute sollen ihren Kopf in Acht nehmen, weil ein Stück des Bauwerks in die Rolltreppe hineinragt. Ich behaupte mal, sowas wäre in Deutschland undenkbar.

- dass der Nahverkehr sehr gut organisiert ist

- dass man selbst ein schönes, sauberes Zuhause hat, mit unglaublich hohem technischen Komfort, und über ein eigenes Auto verfügt.

- saubere Toiletten mit Toilettenpapier

Klar ist natürlich auch, dass wir unseren hohen Lebensstandard mit hohen Lebenshaltungskosten bezahlen müssen.

NACHTRAG: Das Buch “Der weiße Tiger” des Inders Aravind Adiga bietet eine hervorragende Beschreibung des Lebens in Indien, explizit auch in Bangalore, geschrieben von einem Insider. Vieles, was ich hier angerissen habe, ist in dem Buch gründlich und hintergründig dargestellt. Fazit nach Lesen des Buches: Es ist alles um ein Vielfaches schlimmer, korrupter, düsterer und verkommener, als es sich einem Fremden schon nach wenigen Tagen darstellt.

 


Mein Abenteuer, dein Abenteuer

Ist das gerecht? Je näher der morgige Tag rückt, an dem ich für vier Wochen nach Indien fliege – dienstlich übrigens, zum Journalisten-Austausch – , desto mehr interessierte Anteilnahme bekommt: mein Ehemann. Wie er wohl klarkommen wird als Strohwitwer, ob er es packen wird mit dem Haushalt, dem Einkaufen und den Kindern, wird er gefragt und werde ich gefragt.

Seltsamerweise erkundigt sich niemand danach, wie ich klarkommen werde: als allein reisende Frau vier Wochen in Indien.  Ach, das ist doch wie Urlaub, winken die meisten Leute ab.

Ich finde aber durchaus, dass ich das größere Abenteuer vor mir habe.  Meine Familie bleibt in der gewohnten Umgebung zu Hause,  auf mich dagegen wartet mindestens ein Hitzeschock (35 bis 38 Grad in Mumbai beziehungsweise Bangalore, das Doppelte bis Dreifache von den aktuellen Leipzig-Werten). Dann wohl auch ein Kulturschock:  Menschenmassen,  Verkehrsgedränge, Lärm, Smog, die allen Berichten nach weit verbreitete Armut,  die fremden hygienischen Gepflogenheiten, der offenbar unvermeidliche Durchfall. Ich rechne damit, einerseits überall vorgestellt und herumgezeigt, andererseits als Touristin auch kräftig übers Ohr gehauen zu werden. Nicht zu vergessen, dass ich  kaum jemanden treffen werde, der Deutsch spricht und daher alles auf Englisch laufen muss. Und dass mir als Technik-Dilettant kein Mensch helfen wird beim Umgang mit Laptop, Video- und Fotokamera. Ich muss schon allein zusehen, wie ich meine Bilder und Texte in die Redaktion überspielen kann.

Dagegen steht meiner Familie doch die deutlich geringere Aufregung bevor! Denn natürlich hinterlasse ich als pflichtbewusste Hausfrau und Mutter  alles so, dass meine Lieben möglichst wenig Arbeit haben. Sämtliche Osterdeko habe ich heute früh schnell noch weggeräumt, sonst steht sie womöglich Mitte Mai noch, wenn ich wieder nach Hause komme. Habe noch mal ausgiebig eingekauft und alle Lebensmittel-Vorräte aufgefüllt, sämtlichen Müll zum Wertstoffhof gebracht, den Garten von  Unkraut befreit, die Blumen gegossen, den Gieß-Auftrag für die nächsten vier Wochen an die große Tochter erteilt. Um die Wäsche kümmert sich ohnehin mein Mann, das Staubsaugen wird er erfahrungsgemäß den Töchtern übertragen, diese sind ohnehin schon von mir beauftragt, den Papa zu unterstützen. Bleibt die Katze, und die wird sich mit lautstarkem Miauen melden, falls sie vergessen wird. Und bleibt das Grummeln im Magen, dass ich nach meiner Rückkehr ein Kind weniger zu Hause haben werde – denn der Älteste meiner Drei zieht dann grad um in die eigene Wohnung.

Was also soll passieren? Schauen wir mal, wer in vier Wochen mehr zu erzählen hat! Das Thema “Als allein reisende Frau vier Wochen in Indien” habe ich mir jedenfalls auf die Tagesordnung gesetzt, dem will ich mal ausdrücklich nachgehen. Nun grade – weil keiner auf den Gedanken kommt, dass es eins ist.

 

 

 


Der Glööckler und die “Katze” – wie Brüderchen und Schwesterchen

Wie sich die Bilder gleichen! Es war fast ein Déjà-vu, als ich die beiden künstlichsten Geschöpfe des deutschen Fernsehens binnen einer Woche in Leipzig traf: am Buchmesse-Wochenende den bizarren Modeschöpfer Harald Glööckler und am Wochenende darauf die laufende und sprechende Barbie-Puppe Daniela Katzenberger. Die prollmäßig Sonnenstudio-Gebräunten könnten glatt Brüderchen und Schwesterchen sein, mal abgesehen vom Altersunterschied: Glööckler ist 46, die “Katze” 25. Oder sie könnten der gleichen Frankenstein-Werkstatt entstammen: erst hat der unheimliche Doktor einen Jungen und später ein Mädchen erschaffen…

Beide waren am Anfang mal ganz normal aussehende Menschen. Dann bekamen sie den Drang, mehr aus sich zu machen, ihren Körper nach eigenen Idealen umzubauen. Nach dem Empfinden der beiden äußerst Selbstverliebten ist das auch gelungen, nach dem der meisten anderen Menschen eher nicht: Beide haben jetzt eine Überdosis an allem. Beide werden belächelt als schrille Paradiesvögel, an denen alles zu viel ist: Bei Harald sind es die dick aufgespritzten Lippen voller Pomade, das viele Gold an Klamotten und Gürtel, die fetten unechten Klunker an Händen und Handgelenken, die schwarzen Balken-Augenbrauen, die stark geschwärzten Bartkonturen. Bei Daniela sind es die zu drallen Busen-Implantate, die zu offenherzigen Oberteile bei gleichzeitig zu kurzen Röcken, zu hohe Absätze, zu viel Bleichmittel fürs Haar, die ebenfalls zu dick glossierten Lippen oder Augenbrauen-Tattoos, die lange Zeit an der falschen Stelle saßen (inzwischen hat sie das korrigieren lassen).

Wo immer die beiden auftreten, sind sie von Hunderten Fans umringt.  Jeder findet sie schräg, kaum einer will genau so aussehen oder wünscht sich, dass seine Tochter so rumläuft. Aber die beiden werden gemocht, weil sie eine Art Aschenputtel sind. Aus einfachen Verhältnissen kommend, stehen sie jetzt im Scheinwerferlicht, und dafür werden sie neidlos bewundert. Sie sind glaubwürdig, weil sie ihre Sache, und sei die auch noch so überdreht, mit Ernsthaftigkeit betreiben. Egal, wie plastisch die beiden aussehen: Im Umgang mit den Fans sind sie ganz natürlich, völlig unkompliziert, Menschen wie du und ich. Sie reden mit jedem, haben immer einen guten Spruch auf den Lippen, sind unterhaltsam.

Und sie stehen auf der Seite der kleinen Leute, zu denen sie selbst mal gehört haben. ”Jede Frau ist eine Prinzessin”, betont Harald Glööckler immer wieder. Streicheleinheiten, die viele Frauen entbehren. Egal, dass Glööckler schwul und ein Paradiesvogel ist. Er ist immer noch ein Mann, und es tut vielen weiblichen Wesen einfach gut,  wenn sie - verbal - liebevoll in den Arm genommen werden. Zudem ist Glööckler kein unerreichbarer Modegott, sondern er verkauft seine Mode im Homeshopping-Kanal oder bei Bonprix. Dort bleibt sie für jederfrau erschwinglich.

Ähnlich Superblondine Katzenberger: Wer ein bisschen so sein will wie sie, kann sich Produkte von der “Katze” mit nach Hause nehmen. Ihre Fashion, ihre Nagelkollektion, ihre Klobrillen und neuerdings auch Highheels, wie die “Katze” sie liebt. Ein eigener Duft folgt demnächst. Auch Daniela legt Wert darauf, dass ihre Produkte kein Luxus sind, sondern  für Mädels wie sie selbst bezahlbar bleiben.

Warum ist eigentlich noch keiner auf die Idee gekommen, die beiden zusammen zu bringen? Als ehemaliger Let’s-Dance-Juror hat Glööckler sich mal gewünscht, die “Katze” tanzen zu sehen. Aber das war es bisher auch schon. Schade eigentlich, denn die beiden wären ein kaum noch zu toppendes Glamourpaar in Black & White, die perfekte Persiflage auf Brangelina & Co., die Auferstehung von Barbie & Ken. Modemacher Glööckler könnte dem It-Girl ohne besonderes Talent – außer dem Talent, unterhaltsam zu sein - ein paar glitzernde Klamotten entwerfen. Sie wiederum könnte ihn zu schlagfertigen Rededuellen herausfordern. Bei den Fans, da bin ich mir sicher, würde sich die Begeisterung verdoppeln. Und ob die beiden Lippenpaare beim Bussi-Bussi-Schmatz aneinander kleben bleiben, würde man auch gern mal wissen.

 Fotos: André Kempner, Wolfgang Zeyen (LVZ)


Frauen bei der Müllabfuhr

Heute zum Internationalen Frauentag wird wieder viel von Powerfrauen und Frauenquote die Rede sein. Aber seien wir mal ehrlich, es gibt nicht nur Frauenpower.  Es gibt auch das hässliche Gegenteil davon: Büro-Geläster,  Stutenbissigkeit, Zickenkrieg. Dinge, die Männer abschrecken, die aber auch Frauen abschrecken.

Frauen reden mehr und lieber als Männer. Indem sie reden, bewältigen und verarbeiten sie die Erlebnisse und Anforderungen des Alltags, des Berufs, der Kindererziehung. Manche Frau kann zehnmal mit zehn verschiedenen Leuten über ein- und dieselbe Sache reden.  Soll sie es ruhig tun, wenn es ihr hilft.

Man quatscht über Kolleginnen und Kollegen, über Frauen oder Männer aus dem Sportverein, aus der Nachbarschaft, dem Eltern-Umfeld der Schulkinder. Man tratscht darüber, wie andere ihre Haare, Klamotten, Schuhe tragen, über ihren Fahrstil, ihre Macken oder ihre Art, sich öffentlich zu bewegen. Aber wie schnell wird Reden zum Lästern: Man lässt Dampf ab über die Dicke, die Hässliche, die Lahmarschige, die ewig nicht aus dem Knick kommt. Man regt sich auf über die Dämliche, die bestimmte Dinge einfach nicht schnallt und wahrscheinlich auch nie begreifen wird. Man verhält sich schnippisch oder distanziert gegenüber der Praktikantin oder Berufseinsteigerin, weil man im Grunde seines Herzens neidisch ist auf ihre Jugend, die Figur, das tolle Haar, das ansteckende Lachen. Oder nehmen wir die Behördenmitarbeiterin. Sie reagiert plötzlich sehr kurz angebunden oder herablassend, wenn eine Frau mit einem Anliegen kommt, das ihr nicht passt oder bei dem sie nicht weiter weiß. Männern gegenüber bewahrt sie sich noch etwas Charme, Frauen gegenüber gibt es keine Gnade. Denn sie muss nun ihre(n) Vorgesetzte(n) fragen, um das Problem zu lösen. Das macht niemand gern – zugeben, dass sie/er mit dem Latein am Ende ist.

Ganz tief im Inneren wissen Frauen, dass diese Art “Sozialhygiene” (positiv formuliert) oder “zwischenmenschliche Müllabfuhr” (drastisch gesagt) nicht besonders schön und nicht besonders damenhaft ist. Um Bestätigung zu bekommen, dass sie im Recht sind, dass sie es besser wissen und besser können, suchen Tratschweiber sich die Zustimmung anderer Mit-Lästerinnen und verbünden sich mit ihnen gegen das jeweilige Opfer. Einzeln kann man sie noch einigermaßen knacken, aber wehe, wenn sie im Rudel auftreten.

Ein schönes Kapitel nur für Frauen hat die Leipziger Autorin Else Buschheuer in ihrem neuen Buch “Verrückt bleiben!” geschrieben.  Besser kann man es nicht sagen, deshalb sei hier daraus zitiert:

Alle hacken aufeinander ein: Die geschminkten Frauen auf die ungeschminkten, die kurzhaarigen auf die langhaarigen, die linken auf die rechten, die dicken auf die dünnen, die Trinkerinnen auf die Anti-Alkoholikerinnen, die berufstätigen auf die arbeitslosen, die religiösen auf die ungläubigen, die kinderlosen auf die Mütter. Zersplittert und zerkracht, sind wir nicht kampffähig, keine Großmacht. Wir unterwerfen uns den Männern, wenn wir uns miteinander überwerfen.

Loben Sie die Antipodin! Finden Sie das Schöne in ihr! Bewundern Sie das Lebenskonzept der Frau, die Sie bis eben als Rivalin begriffen haben: die Junge, die Alte, die Schlampe, die Claqueurin, das Hausmütterchen, die spirituell Verstrahlte, die Führungskraft, die Süße, die Bittere, die Intellektuelle, die Kämpferin. Was hat sie, was Sie nicht haben? Wie können Sie mit ihr gemeinsam stark sein? Schwestern, Mütter, Huren,  Vorstandsvorsitzende aller Länder, vereinigt euch!

Was für wahre Worte zum Frauentag.


MännerversteherIn

So, Männer und MännerInnen. Nun habe ich viel Schlaues darüber gelesen, wie wir Frauen euch Alphatierchen besser verstehen und uns bei euch besser verständlich machen können.  Jetzt wird es Zeit, den Praxistest folgen zu lassen.

Zuerst mal brauche ich einen äußeren Schutzschild, einen Panzer, eine Uniform. Also keine kniekurzen Röcke und kein Dekolleté mehr, sondern etwas sehr Unauffälliges à la dunkles Kostüm oder Hosenanzug. Und keinen klimpernden Schmuck.

Ich muss eure Sprache beherrschen, und dazu muss ich sie erst mal lernen. Wie eine Fremdsprache sozusagen.  Wenn einer von euch mich nicht grüßt und so tut, als sieht er mich nicht, werde ich mich darüber nicht mehr ärgern. Sondern offensiv auf ihn zugehen und ihm ein lautes “Guten Tag” ins Gesicht rufen. So laut, dass andere davon Notiz nehmen und er sich moralisch klein fühlt. 

Komme ich zu spät zu einem Termin, werde ich mich nicht mehr lautlos in den Raum schleichen, unauffällig an der Wand lang zum nächsten freien Stuhl huschen und leise Platz nehmen. Sondern ich werde kraftvoll die Tür aufreißen und ein forsches “Tschuldigung” in den Raum rufen, egal, wer gerade spricht. Dann ziehe ich mir polternd einen Stuhl heran und werfe geräuschvoll meine Unterlagen auf den Tisch. Überhaupt sollte ich das Zu-Spät-Kommen kultivieren, das bringt Aufmerksamkeit, darüber wird geredet.

Wenn ich einen besonders guten Artikel geschrieben habe, hoffe ich nicht mehr darauf, dass er von selbst bemerkt und gelesen wird. Ich werde euch darauf hinweisen, euch anrufen und sagen, was ich für ein toller Hecht bin. Ich werde den Artikel per Mail, Twitter und über sonstige Netzwerke verbreiten und mich gebührend dafür loben lassen. Und überhaupt werde ich viel öfter “Ich” sagen. ICH, ICH, ICH – um es gleich mal zu üben.
Die Kantine habe ich immer gemieden, Massenabspeisung schmeckt mir nicht, aber darauf darf ich keine Rücksicht nehmen. Ich muss hingehen, mich rotzfrech zu den wichtigsten Leuten an den Tisch setzen. Das Essen ist dabei nicht so wichtig, es kommt aufs lautstarke Reden, Lachen, Gestikulieren, Gesehen-Werden an.

Eins muss ich mir abgewöhnen: Wenn Fehler passiert sind, darf ich mich nicht mehr fragen, welchen Anteil ich selbst daran habe. Was für ein Blödsinn, die Schuld bei sich selbst zu suchen. Sollte mich jemand kritisieren, kann es nur eine Reaktion geben: Ich nehme ihm den Spieß aus der Hand, drehe ihn um und steche denjenigen nieder. 

Dass Männer-Kommunikation auch ganz schön arrogant, rücksichtslos, unhöflich sein kann: Pfeif drauf. Euch selbst stört das ja auch nicht.

Natürlich gibt es bei diesem Projekt ein paar Unbekannte. Werde ich mich in dieser Rolle wohl fühlen, oder spiele ich sie wie eine Schauspielerin? Bringe ich es fertig, all meine Lieblingsklamotten im Schrank hängen zu lassen? Was wird zu Hause, müssen wir die Rangordnung neu auskämpfen, die Reviere neu markieren?

Deshalb starte ich das Ganze als Versuch. Sagen wir mal bis zum Internationalen Frauentag. Sollte mir bis dahin überraschend ein Bart gewachsen sein, denke ich über die Sache noch mal nach.


Kältegeschriebsel

Einige Medienkollegen berichten dieser Tage über die Helden der Kälte, da möchte ich ganz bescheiden hinzufügen: Wir Journalisten sind auch kleine Kälte-Helden, wenn wir bei eisigen Temperaturen unsere Geschichten bis ins Warme bringen.

Heute zum Beispiel: Eine Dreiviertelstunde Warten im Freien, dann habe ich endlich Peer Kusmagk vor der Nase. Den Dschungelkönig 2011. Er ist in Leipzig, weil er für die Soko Leipzig dreht. Und Drehen heißt für alle Nicht-Beteiligten: warten, still sein und warten. Lange darf ich ihm beim Schaukeln und Toben im Schnee zusehen. Erste Klappe, zweite Klappe, dritte Klappe…

Als ich meine Fragen endlich an den Mann bringen kann, kann ich die Antworten kaum noch aufschreiben. Denn mein Kuli ist eingefroren. Nur noch brüchige Krakeleien bringt er aufs Papier, wie soll ich das später lesen? Was ich nicht aufschreiben kann, ist leider verloren, ich kann mir nicht mehr alles merken, dafür ist die Festplatte einfach zu voll.

Für Frost und Kälte wurde aber bedauerlicherweise noch nicht das passende Schreibgerät erfunden. Tintenfüller, Gelstift, Rollerball – was man auch nimmt, es friert über kurz oder lang alles ein. Auch der Fineliner. Stifte mit flüssiger Schreibmasse haben noch einen anderen Nachteil: Sobald es aufs Papier schneit oder regnet,  läuft die Schrift aus und ist erst recht nicht mehr zu lesen.

Nimm einen Bleistift, wurde mir geraten. Bleistift, neee, ist nicht gut. Da verwischt die Schrift auch, außerdem hat er keine Klemme, mit der man ihn am Notizbuch festklemmen kann. Und bricht er ab, hat man natürlich auch keinen Spitzer zur Hand. Ein Kugelschreiber ist doch immer noch das Verlässlichste, jedenfalls solange kein starker Frost herrscht.

Oder hat die  Wissenschaft inzwischen ein Hightech-Wunderding zum Schreiben in Permafrostgebieten entwickelt, und ich weiß bloß nichts davon? Sieht ganz so aus. Bei McPaper empfiehlt mir die Verkäuferin einen sogenannten Spacetec-Kugelschreiber, der angeblich garantiert nicht einfriert.  Funktioniert mit Gasdruck , kostet aber auch 20 Euro, und das ist schon ein Sonderpreis! Jede Nachfüllmine kostet weitere 5 Euro, oder waren es bloß 3? Nein, danke. Zu schnell hat man diese 20 Euro, plus 5 Euro Mine, verloren. Das Schreibwunder ist auch ganz grundsätzlich nicht mein Typ, ein viel zu “dünner” Kugelschreiber. Ich komme besser klar mit dicken, die stabil in der Hand liegen.

Da stellt sich nun die Frage: Warum nicht ein Diktiergerät verwenden? “Ihr in Leipzig seid ganz schön old-fashioned”, höre ich in letzter Zeit vermehrt. “Ihr schreibt noch richtig alles auf, das ist ja die ganz alte Schule!” Verlegen habe ich mich daraufhin umgeschaut, dezent natürlich, aber es stimmt, alle machen es so: die Kollegen von der Boulevardzeitung, von den Agenturen, den Wochenblättern… Weil es auch was für sich hat. Es hat eh keiner die Zeit, sich den ganzen Sermon vom Diktiergerät noch einmal anzuhören. Beim Schreiben lässt man automatisch alles weg, was man später nicht braucht, das entschlackt schon mal viel Masse. Außerdem: Ich sammle meine Notizbücher über Jahre, manchmal muss man jemanden darauf festnageln, was er früher mal gesagt hat. Ich wurde sogar schon mal mit meinen Niederschriften als Zeuge vor Gericht geladen.

So helfe ich mir einstweilen über den Winter, indem ich gleich nach dem Interview im Auto meinen Kuli intensiv beatme. Sobald er wieder flüssig ist, schreibe ich die Übersetzung zu meinem Kältegeschriebsel. Wenn die Leute manchmal wüssten, wie wir unsere Geschichten nach Hause bringen…

 


Krach- und Piepgesellschaft

“Bei Dir piept’s wohl!” lautete die Betreffzeile einer Mail, die ich heute von einer gewissen Annette erhielt. Frechheit!, fluchte ich, und klickte sofort drauf. Wer ist denn so dreist, und was will die von mir? Es war ein Online-Shop, der mir Wohnaccessoires im Vogel-Design schmackhaft machen wollte.

Tut mir leid, Annette, aber ich brauche keine Vögel. Wenn ich drüber nachdenke, muss ich dir sogar mitteilen: Du hast recht. Bei mir piept’s. Auch ohne Vögel, und jetzt im Winter ganz besonders. Bei den Minusgraden, die wir gerade haben, überfriert nämlich an meinem Auto sofort der Warnsensor. Normalerweise steigert er sich in ein hektisches Piepen, wenn ich rückwärts auf ein Hindernis zufahre. Gern auch mal auf ein höheres Grasbüschel, das ich dann leider rücksichtslos überrollen muss. Aber jetzt piept er eisern, ohne aufzuhören, und quält meine Nerven, obwohl gar kein Hindernis da ist, sondern ich zehn Meter freie Fahrt habe. Worauf kann man sich da bitteschön noch verlassen? Wer einmal piept, dem glaubt man nicht, selbst wenn er dann die Wahrheit spricht…?!

Mein Auto piept mich generell gern an. Zum Beispiel wenn auf dem Beifahrersitz meine Handtasche mitfährt, ohne dass sie angeschnallt ist. Oder um mich vor Glatteis zu warnen. Oder wenn ich vergessen habe, die Handbremse locker zu machen. Selbstverständlich jedes Mal in einer anderen Piep-Tonart. Ich höre und staune und füge mich.

Bei uns zu Hause piept es ebenfalls. Fünfmal piept der Geschirrspüler, wenn er fertig ist (Wer programmiert sowas? Warum ausgerechnet fünf Piepse?). Viermal piept die Mikrowelle, wenn sie ein Programm zur Hälfte fertig hat und ich noch mal den Knopf drücken soll. Mein Backherd meldet sich aufgeregt, wenn die eingestellte Zeit abgelaufen ist. Ein bisschen wie bei Beethoven muss man sich das vorstellen: döt-döt-döt-döt, nur viel schneller und wesentlich hysterischer. Am Kochherd  ist das Ceranfeld empfindlich wie eine Mimose und piepst nervös los, sobald  irgendwas auf die Anschalter gelegt wird, und sei es nur eine ganz leichte Plastetüte. Einmal stutzen wir über ein völlig unbekanntes Piepgeräusch und mussten erst mal suchen, wo es herkommt. Es war das Bratenthermometer in der Schublade, das sich selbstständig zu Wort meldete: Will auch mal wieder zum Einsatz kommen, piep piep piep, bittebittebitte…

Unser alter Kühlschrank piepte, wenn die Tür zu lange offen stand. Und das ging recht schnell, wenn jemand mal nach etwas suchte. Eines Tages verfiel er sogar in ein Dauerpiepen, das gar nicht mehr aufhörte. Wir mussten einen Monteur bestellen, der klebte ein Zentimeterstück Folie auf eine bestimmte Stelle, das war`s. Dafür 60 Euro Anfahrtskosten, bei euch piept`s wohl!, schimpfte ich damals. Dem Monteur war es selbst peinlich, aber er konnte ja nichts dafür. Inzwischen steht der piepende Kühlschrank im Keller.

Ich habe mich umgehört, die Krach- und Piepgesellschaft ist allgegenwärtig, auch andere können ein Lied davon singen. Bei Bekannten piept die Waschmaschine, wenn sie voll gepackt ist und nichts mehr reinpasst. Oder wenn der Wasserhahn nicht aufgedreht ist. Auch anderen Leuten piept ihr Auto den letzten Nerv weg – wenn die Handbremse nicht zweihundertprozentig gelockert wurde, wenn eine Tür geöffnet wird, obwohl der Schlüssel noch steckt oder das Licht noch brennt. Oder das Telefon mit drei Mobilteilen: Mitten in der Nacht fängt es an zu tschilpen, obwohl schon hundert Mal alle Töne abgestellt wurden.

Richtig auf den Nerv geht mir das Piepen der Scannerkassen in den großen Supermärkten. Ich würde ‘ne Meise kriegen, wenn ich dort arbeiten müsste, und nachts noch das Gepiepe im Schlaf hören. Aber die Kassiererinnen, die ich gelegentlich besorgt danach frage, meinen, man gewöhnt sich dran.

Vor einiger Zeit erzählte mir  eine Bekannte, dass bei ihr nichts piept, jedenfalls kein Haushaltsgerät. Ihr Herd sei 60 Jahre alt, der Kühlschrank 18 und die Waschmaschine, das “Baby”, 13 Jahre. Als solche Geräte gebaut wurden, gab es den E-Beep noch nicht. Schon weil sie so wenig moderne Technik hat, sagen manche Leute, dass es bei ihr piept – die Meise unterm Pony.

 

 


Neue Hoffnung für den “Tatort” aus Leipzig

Sonntagabend ist einer der wenigen Abende, an dem ich  freiwillig den Fernseher anschalte, sofern ich zu Hause bin. Den “Tatort” will ich sehen, zumindest mit bestimmten Kommissaren. Wie bei den meisten “Tatort”-Fans sind auch meine Favoriten das Duo Schenk/Ballauf aus Köln, Boerne und Thiel aus Münster sowie die spröde Kommissarin Charlotte Lindholm aus Niedersachsen. Das sind Typen, die spielen einprägsame Charaktere, haben Witz, und es sind erstklassige Schauspieler.

Den “Tatort” aus Leipzig mit Simone Thomalla und Martin Wuttke (Kommissare Saalfeld und Keppler), ach Gott, den schaut man sich auch an, schon aus beruflichem Interesse, weil es ja regelmäßig Settermine gibt und man auf dem Laufenden sein möchte. Aber Begeisterung wollte bisher meist nicht aufkommen.  Zu verworren, zu angestrengt, zu überfrachtet sind die Fälle, alles Übel der Welt wird hineingepackt und man verliert die Lust, dem zu folgen. Oft war es zu viel Psychokram statt eines richtig schönen, ganz normalen Krimis, den man gern gesehen hätte. Das Kardinalproblem: Keppler und Saalfeld passen nicht zusammen, weder optisch noch von den Charakteren her, und man wundert sich, wie es sein kann, dass sie (im Film) mal ein Ehepaar waren.  Im Grunde bezweifelt man sogar, dass sich Thomalla und Wuttke als Schauspieler sonderlich nahe stehen.

Mit Gähnen hangelte man sich durch die 90 Minuten. Kein Wunder, dass die Leipziger Kommissare in der Beliebtheitsskala nicht übers Mittelfeld hinaus kommen. Ich habe mich oft gefragt, ob sich die Leipziger nicht mal bei den Kölnern was abgucken oder Tipps holen können, zumal doch Dietmar Bär (Kölner Kommissar Freddy Schenk) und Martin Wuttke in Berlin im gleichen Haus wohnen. Auch Simone Thomalla soll gleich um die Ecke wohnen. Vielleicht reden sie privat miteinander, vielleicht war das auch ein Grund dafür, dass die Vier  im Herbst eine Köln-Leipziger Doppelfolge “Tatort” gedreht haben. Aber was nützt das alles dem normalen Leipzig-Tatort.  Die Schauspieler können halt nur das spielen, was das Drehbuch ihnen vorgibt. Und da bleibt Thomalla oft hölzern und emotionslos, während Wuttke in seiner Rolle als kauziger Eigenbrötler festhängt.

 Nachdem ich diese Woche die Preview des nächsten MDR-Tatorts “Todesbilder” sah (Ausstrahlung am Sonntagabend, 15. Januar), würde ich sagen: Es gibt neue Hoffnung für den Leipzig-Tatort. Bisher wechselten Drehbuchautoren und Regisseure ständig, man merkte halt, dass es ein Produkt der Filmindustrie ist. Nun hat MDR-Fernsehfilmchefin Jana Brandt mal einen richtig guten Mann engagiert, den sie hoffentlich nicht gleich wieder ziehen lässt  – den mehrfach preisgekrönten Regisseur Miguel Alexandre (drehte in Leipzig „Die Frau vom Checkpoint Charly”, zuletzt den Udo-Jürgens-Film „Der Mann mit dem Fagott”). Der gebürtige Portugiese schrieb das Drehbuch für „Todesbilder” selbst und führte danach auch Regie. Das Ergebnis ist eine klar erzählte Geschichte, bei der man höchstens mal kurzzeitig gähnt und dann wieder an der Handlung festklebt. Also für den MDR ungewohnt spannend und mit überraschendem Ende.

Man hätte es nicht für möglich gehalten: Endlich gibt es das Drehbuch mal her, dass Thomalla und  Wuttke Gefühle, Ängste, Schutzlosigkeit zeigen. Endlich werden ein paar private Dinge zwischen den Kommissaren ausgesprochen, endlich wird verständlich, was die beiden für eine gemeinsame Vorgeschichte haben und wie sie füreinander empfinden. Simone Thomalla bei der Preview: “Der Dreh ist super gelaufen, Miguel darf wiederkommen.” Miguel Alexandre: “Eine Figur muss was zum Beißen bieten. Simone gibt sich ihrer Figur mit Haut und Haaren hin.”  Im Filmgespräch erzählte er, fünf bis sechs Vorgängerfilme habe er sich angesehen, “ein Riesenvergnügen”. Es sei “ein Riesengeschenk”, dass er bei seinem ersten Tatort seit langer Zeit auf ein Duo zurückgreifen kann, das schon zwölf gemeinsame Folgen produziert hat. Nun ja, was man so sagt, wenn man ein höflicher Mensch ist und niemandem wehtun möchte.

Von seinen Filmen jedenfalls möchte man mehr sehen!  Miguel Alexandre: „Ich hab größte Lust!” Jana Brandt: „Wir sind im Gespräch, er hat schon ein neues Projekt vorgelegt.”

  NACHTRAGnachdem ich den neuen Leipzig-Tatort gestern Abend zum zweiten Mal gesehen habe:

Wenn ich was zu sagen hätte, würde ich den Kommissaren Saalfeld/Keppler nun langsam mal Fröhlichkeit, Witz, Schlagfertigkeit verordnen.
In den MDR-Tatorten gibt es (logischerweise) schreckliche Morde, aber damit nicht genug. Obendrein auch noch ein freudloses Ermittlerpaar, das schwer von persönlichem Schicksal und Leid belastet ist. Wer mag das auf Dauer sehen? So viel Unglück, so wenig Lebensfreude?

Da entlassen einen doch die Kölner Schenk/Ballauf und die Münsteraner Boerne/Thiel am Sonntagabend mit einem viel besseren Gefühl: Egal, was die neue Woche an schlimmen Dingen bringen mag, mit Mutterwitz, Frozzeleien und Lachen, auch über sich selbst, und ein wenig Distanz zur Sache geht alles zu ertragen.

 

Auf dem Foto: MDR-Fernsehfilmchefin Jana Brandt, Schauspielerin Simone Thomalla, Regisseur und Drehbuchautor Miguel Alexandre. Foto: André Kempner


Mein völlig uninteressantes Leben

Es ist ein scheiß unoriginelles Leben, das ich führe. Wer mich gerne mal kennen lernen will (manchmal haben Leser solche Ideen), dem muss ich sagen: Es lohnt sich nicht.

Seit ich meine drei Kinder habe, bin ich derartig bieder geworden, dass es zum Gähnen ist. Jeden Morgen um sechs klingelt mein Wecker und ich verschlafe auch nicht, denn die Kinder müssen zur Schule. Komme ich erst am späten Vormittag in die Redaktion, habe ich vorher schon den Müll weggebracht, war am Geldautomaten und/oder auf der Post, habe im Fitnessstudio Sport getrieben und auf dem Rückweg beim Vietnamesen frisches Obst geholt.

Generell bin ich pünktlich und lasse andere nicht warten. Denn ich war jahrelang selbst darauf angewiesen, pünktlich aus Terminen rauszukommen, damit ich meine Kinder  vor Toresschluss von Kita oder Hort abholen konnte. Dienstlich gehe ich oft auf Partys und Bälle, aber es wird keiner je behaupten können, dass ich über die Stränge schlage und versumpfe. Alkohol trinke ich kaum, denn erstens muss ich mitkriegen, was um mich rum passiert, und zweitens brauche ich meinen Führerschein (zudem finde ich die Hefe-Fahnen unappetitlich, die einem nach einem Glas Sekt aus dem Hals wehen). Auch flirte ich nicht mit fremden Männern, denn ich habe ja meinen eigenen. Nebenbei gesagt wäre es mir ein Graus, als Klatschreporterin womöglich selbst zum Klatsch-Gegenstand zu werden. Andere finden das vielleicht cool, ich aber möchte eher unauffällig bleiben.

Meinen Urlaub bezahle ich selbst, meine Steuerklärung mache ich ehrlich,  bei Abrechnungen betrüge ich nicht, und ich beleidige auch niemanden mit anonymen Kommentaren im Internet. Wenn ich mit meinen Kindern zu Belantis oder in den Zoo gehe, kaufe ich die Eintrittskarten an der Kasse und besorge sie mir nicht kostenlos über die Pressestelle, es sei denn, ich bin ausdrücklich eingeladen. Ich kenne eine Handvoll Top-Friseure und Top-Designer in Leipzig, aber über die schreibe ich nur. Privat bin ich Kundin in einem no-name-Friseursalon. Noch nie hat mir ein Hersteller oder Händler angeboten, meine dienstlichen Ballkleider zu sponsern.  Einmal wollte mich jemand für den Opernball mit Schmuck ausstatten, aber ich habe mich höflich bedankt: Was ich mir nicht leisten kann, das trage ich auch nicht. Meine privaten Klamotten oder Schuhe kaufe ich entweder im Internet oder sonst möglichst in Läden, in denen mich  keiner (er)kennt. Es wäre mir nicht recht, wenn mein mäkliger Geschmack oder mein persönliches Preislimit öffentlich bekannt würden und ich vielleicht anders behandelt würde als jede andere Kundin.

Als hartnäckiger Facebook-Verweigerer komme ich nicht in die Verlegenheit, rein dienstliche Partner zu  fragen, ob sie meine Freunde sein möchten - oder mich womöglich sogar mit ihnen zu duzen. Private Gefälligkeiten lehne ich freundlich ab, so bin ich auch keinem einen Gefallen schuldig. Ich behalte Geheimnisse für mich, ohne vor Aufregung zu platzen, habe eine Abneigung gegen Geschwätz und halte mich raus aus allem Filz – und finde das besser so.

Meine Texte schreibe ich vollständig selbst und fände es ehrenrührig, gute Ideen anderer Kollegen zu klauen. Nach einem Pressetermin schaue ich bewusst nicht in die Nachrichtenagenturen oder bei den Online-Kollegen, was sie schreiben -  erst, wenn mein eigener Text fertig ist. “Kommunikation” ist für mich ein Hilfsmittel und kein verselbstständigter Wert – ich finde, man muss erst ein gutes Produkt und kompetente Gesprächspartner haben, dann entsteht daraus Kommunikation. Das pausenlose Hereinplingen neuer Belanglosigkeiten auf dem PC oder Handy ist es jedenfalls nicht.

Mir ist völlig klar, dass ich bestenfalls in meinem Beruf als Journalistin und Gesellschaftsreporterin von Interesse bin, aber nicht als Privatfrau. Wenn ich meine Wohnungstür hinter mir zumache, bleibt die Welt des schönen Scheins draußen. Meine Freizeit verbringe ich gern dort, wo keiner weiß, was ich beruflich mache und wo ich einfach nur “die Kerstin” bin. Wie gesagt, es ist ein völlig unspektakuläres, biederes Leben.

Aber dafür kann ich nachts ruhig schlafen und muss nicht zusammenschrecken, wenn es an der Tür klingelt. Ich habe keine Leichen im Keller, muss nicht fürchten, dass meine Anrufbeantworter-Nachrichten veröffentlicht werden, dass meine Kreditunterlagen zum Hauskauf durchleuchtet werden oder jemand meinen Rücktritt erzwingen kann. Und das kann heute nicht mal mehr der Bundespräsident von sich behaupten.

Bin ich vielleicht doch eine Person, die man mal kennen lernen sollte?

 


Ältere Einträge »