Es ist nicht leicht, ein Jubiläumsgast zu werden
Glück gehabt, zur rechten Zeit am rechten Ort gewesen – Irrtum! So einfach ist es nicht, ein Jubiläumsbesucher zu werden. Man könnte sogar sagen, ein “runder” Besucher muss gewisse Kriterien erfüllen.
Heute zum Beispiel wurde der 100 000. Jubiläumsgast von Gondwanaland im Zoo erwartet. Der Zoochef hat sich das einfach vorgestellt: Besucher am Drehkreuz auszählen, Hände schütteln, Blumen überreichen. Aber wir Medienvertreter verunsichern ihn: Was machen wir, wenn der- oder diejenige sich nicht fotografieren lassen will? Nicht seinen Namen nennen möchte? Ist alles schon passiert und gar nicht mal so selten. Manche Leute wollen überhaupt nicht aufs Foto. Manche haben nichts dagegen, in der Zeitung zu stehen, aber sie wollen keinesfalls in die Online-Ausgabe. Vor allem Ältere nicht, wenn sie selbst keinen Internetzugang und oft noch nicht mal einen Computer besitzen.
Schwierig ist es auch bei Kindergruppen. Wenn der Jubiläumsgast fröhlich mit seinen Kindergartenkumpels angewuselt kommt, was dann? Gibt zwar ein süßes Foto, aber unter Umständen viel Ärger, denn für jedes Kind muss eine Fotogenehmigung der Eltern vorliegen.
Dann hätten wir alle ein Problem. Denn natürlich geht es nicht nur ums Gratulieren. Natürlich will der Zoo auch, dass die Medien nett über das Ereignis berichten. Auf dass sich ein Werbeeffekt einstellt. Ohne Fotos, ohne Fernsehbilder, ohne O-Töne im Radio macht sich das mehr als schlecht.
Dem Zoodirektor schwebt eine Jubiläums-Familie vor, gewissermaßen stellvertretend für seine Hauptzielgruppe. Eine Fotografin wünscht sich, dass der Jubiläumsgast eine entspiegelte Brille tragen soll und kein Basecap, unter dem er sein Gesicht verstecken kann.
“Wir haben keinen Plan B”, flüstert der Zoochef etwas erschrocken seiner Pressesprecherin zu. Denn ihm wird klar: Wenn er jetzt jemanden anspricht, dann muss es klappen. Man kann dann nicht mehr sagen: Ach Irrtum, Sie waren gar nicht gemeint. Als das “Go” kommt, riskiert er alles, geht furchtlos als ein Mann der Tat auf eine Familie zu. Glück gehabt, die Leute sind nett und freundlich, Foto – bitteschön, kein Problem. Sie erzählen auch alles, wonach sie gefragt werden.
Ja, so ist es manchmal, bevor die schönen Bilder von Jubiläumsbesuchern veröffentlicht werden. Andere Einrichtungen gucken sich einen besonders hübschen Menschen aus, gern weiblich und jung, der auf den Fotos besonders sympathisch rüberkommt, denn man will ja schließlich damit werben. Es muss auch nicht exakt der sein, der der “runden” Zahl entspricht. Ungefähr reicht auch.
Im Bach-Museum kam es dieser Tage ganz anders: Der 750 000. Besucher wurde erwartet, doch die Begrüßung und Beglückwünschung fiel aus. Die Pressesprecherin, die sich die Mühe des exakten Auszählens machen wollte, war an diesem Tag leider krank. Und später nachholen kam nicht in Frage, das wäre ja nicht mehr korrekt. Vielleicht klappt’s bei der Million.
Kerstin Decker ist DIE Gesellschaftsreporterin in Leipzig. In ihrem BouL.E.vard berichtet sie von Promis und solchen, die es sein wollen. 