Geschichten, die der Speicherchip erzählt
Am Wochenende musste ich den Speicher meiner Fotokamera leer räumen. Zwischendurch hatte ich zwar immer ein bisschen rumgelöscht, aber das reichte nicht, es musste mal alles runter.
Beim Durchsehen, was noch gebraucht wird, erinnerte ich mich wieder an viele dienstliche Promi-Begegnungen. Manche hatte ich schon vergessen. Denn es geht immer alles so schnell, die Zeit für Interviews ist meist kurz, und wer einen heute vielleicht beeindruckt hat, wird morgen von den nächsten Stars und Sternchen in den Schatten gestellt. Aber im Rückblick fallen mir zu den meisten Fotos auf meinem Speicherchip auch wieder die Begleitumstände ein.
Bei Veronika Ferres und Frauke Ludowig habe ich in Erinnerung behalten, dass sie ihre persönlichen Stylisten dabei hatten, was ich als beneidenswerten Luxus empfand. Kein Foto, ohne dass der Make-up-Artist ihres Vertrauens noch mal Hand angelegt hätte. Dafür habe ich volles Verständnis, wo doch das Aussehen mit zum wichtigsten Kapital von TV-Ladies gehört. Ganz besonders dann, wenn sie Mitte 40 sind. Pausenlos werden sie fotografiert, können kaum einen Schritt tun, ohne von Amateur- oder Profifotografen verfolgt zu werden. Ein Zustand, den ich nicht für beneidenswert halte.
Ex-Modern-Talking-Sänger Thomas Anders hat keinen mitreisenden Stylisten nötig, der Mann ist derart routiniert, dass er auch ohne sein blendendstes Lächeln hinkriegt. Und die Fönfrisur sitzt sowieso. Superstar Thomas Godoj wiederum legt keinen besonderen Wert auf Äußerlichkeiten. Er war bei unserem Treffen noch relativ neu im Mediengeschäft und so eingespannt in seinen Promotionmarathon, dass er nur mit Mühe wusste, in welcher Stadt er überhaupt war. Sein Superstar-Vorgänger Alexander Klaws sagte konsequent “du” zu mir, obwohl er mein Sohn sein könnte. Die meisten in seinem Alter tun sich schwer damit, ich fand’s völlig korrekt, denn schließlich habe auch ich ihn mit “du” angesprochen.
Manfred Krug geriet unverhofft auf meine Kamera: Er sang als Überraschungsgast bei einer Autohaus-Eröffnung. Die älteren Zuhörer waren schwer beeindruckt, kannten seine DDR- und West-Geschichte und lauschten ergriffen. Die jüngeren, für die er kaum noch ein Begriff ist, unterhielten sich weiter. “Uns macht das hier sehr viel Spaß”, sagte Krug süffisant ins Mikrofon und jazzte unverdrossen mit DDR-Jazzlegende Uschi Brüning. Hat er das wirklich noch nötig?, fragte ich mich. Und mir ging durch den Kopf, was solche Leute über sich ergehen lassen müssen: Dass sie von -zig Leuten mit dem Handy abgeknipst werden und sich mit Sicherheit umgehend auf Facebook-Seiten wiederfinden, deren Besitzer sich damit brüsten, wen sie gerade Tolles getroffen haben.
Tobias Künzel von den Prinzen habe ich ebenfalls in einem Autohaus fotografiert, bei einem Jazzkonzert. Dort war er mit seiner Frau und seinen Eltern. Zur Verwunderung der Veranstalter hatte er sich als Promi vorher nicht angemeldet, sondern ganz normal wie alle Gäste seine Eintrittskarten gekauft. Ja, auch das gibt es noch.
Höchst erstaunlich finde ich es immer wieder, welche Ausstrahlung Schauspieler professionell produzieren können, sobald eine Kamera angeht. Eben noch Menschen wie du und ich, kommt plötzlich eine ungeahnte Tiefe in ihren Blick. Mindestens aber legen sie ihr schönstes Sonnenschein-Lächeln auf. Wie schwer ich mich dagegen tue, wenn ich mich mal fotografieren lassen muss… “Alles Übungssache”, verriet mir MDR-Wetterfee Maira Rothe.
Von der fast 80-jährigen Ruth-Maria Kubitschek habe ich gelernt, dass man als reiferer Mensch niemals neidisch oder eifersüchtig auf jüngere sein sollte, weil jedes Alter seine eigenen Erfahrungswerte mit sich bringt. Die über 30 Jahre jüngere Katja Riemann hat diese Gelassenheit noch nicht, sie gilt als schwierige Diva und bestätigte dies bei unserem Termin, indem sie bestimmte Fotos und Fragen verweigerte. Meinen Fotografenkollegen, der vor ihr kniete, ließ sie mit patzigen Antworten abblitzen. Wolfgang Stumph war umso netter, ein richtig freundlicher, kooperativer Schauspieler, der den Journalisten sogar noch half, ihren Job zu erledigen.
Mit Sänger Matthias Reim habe ich zweimal über seine Pleite gesprochen, ein unkomplizierter Kumpeltyp, mit dem es sich reden ließ, als würden wir uns schon lange kennen. Tom Gerhard bedient zwar in seinen Filmen die Proll-Schiene, war aber im Gespräch zurückhaltend und nachdenklich. Ralf Schmitz habe ich als unermüdlichen Hopsefloh in Erinnerung. Matthieu Carrière antwortete mir viel weniger vergeistigt als befürchtet. Aber das Buch, das er geschrieben hatte, gefällt mir wirklich, und das wiederum gefiel ihm und er behandelte mich gnädig.
Bei Anna Maria Mühe musste ich daran denken, dass ich schon ihren Vater Ulrich Mühe getroffen und gesprochen hatte, der dann leider viel zu früh gestorben ist. Jan Josef Liefers und Dirk Michaelis sind freundlich und auskunftsbereit, solange man keine doofen Fragen stellt. Wie überhaupt gilt: Wer sich selbst auf kurze Promi-Gespräche gut vorbereitet und genau weiß, was er fragen will, wird kaum jemals Schiffbruch erleiden. Man darf die Stars nur nicht langweilen.
Bei Maximilian Schell und Bud Spencer ist unübersehbar der Glanz der jungen Jahre verflogen. Sie sind alt und gebrechlich geworden, aber bitteschön, warum sollte es ihnen mit über 80 Jahren anders gehen als Normalbürgern ihrer Altersklasse? Heinos Haar ist sowas von blond und das Lächeln sowas von eingeübt, dass er aus der Nähe maskenhaft wirkt. Hinter seiner dunklen Sonnenbrille konnte ich deutlich die sehr weit hervortretenden Augen sehen, die er mit der Brille versteckt. Dallas-Star J.R. Ewing alias Larry Hagman braucht auch eine Brille, aber fürs Foto legt er sie ab und setzt den Cowboyhut auf, damit man ihn erkennt.
Sogar Ralf Schumacher findet sich auf meiner Kamera. Er war mal bei einem Sponsorentermin in Leipzig und fühlte sich sichtlich unwohl dabei, im permanenten Blitzlichtgewitter zu stehen. Wenn er dagegen Rennanzug samt Helm trägt, scheint so etwas an ihm abzuprallen.
Meist hatte ich nur so für mich ein kleines Erinnerungsfoto gemacht, es ist ja schließlich mein Job, mit Prominenten zu sprechen. Aber heutzutage, wo auch Journalisten sich als Marke verkaufen soll(t)en, wäre es vielleicht gescheiter, sich zusammen mit den Promis ablichten zu lassen? Ich scheue davor zurück, denn das hieße, sich mit fremden Federn zu schmücken. Sich im Glanz bekannter Namen zu sonnen, an deren Erfolg ich nun wirklich keinen Anteil habe. Andere Kollegen haben weniger Hemmungen, sehen sich nicht als Beobachter, die lediglich berichten, sondern selbst schon als Promis.
Wie dem auch sei. Ein paar meiner Erinnerungsfotos behalte ich. Geschichten, die der Speicherchip erzählt. Aber die Fotos werde ich nicht veröffentlichen.
Kerstin Decker ist DIE Gesellschaftsreporterin in Leipzig. In ihrem BouL.E.vard berichtet sie von Promis und solchen, die es sein wollen. 